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Geschichtlicher Hintergrund

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Das "Historische Farbdiaarchiv zur Wand- und Deckenmalerei" 1943-1945


Geschichte


Berlin, Schloss Charlottenburg, Corps de Logis, Mittel-
bau, nach der Zerstörung 1943 Aufnahme: Peter Cürlis

Seit fünfzig Jahren bewahrt das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München für die Bundesrepublik Deutschland eine Serie von 39.000 Colordiapositiven unter dem Namen "Historisches Farbdiaarchiv zur Wand- und Deckenmalerei" auf. Diese in den Jahren 1943-1945, also mitten im 2. Weltkrieg, angefertigten Aufnahmen sind das Ergebnis eines Versuchs der nationalsozialistischen Machthaber, wandfeste Kunstwerke im gesamten Reichsgebiet angesichts ihrer drohenden Zerstörung durch Bombenangriffe möglichst farbgetreu zu dokumentieren.

Auf Befehl Adolf Hitlers wurden im Frühsommer 1943 zunächst einige Probekampagnen durchgeführt. Nachdem die Resultate, die er sich in Form großformatiger Papierbilder vorlegen ließ, seine Billigung gefunden hatten, übernahm die "Hauptabteilung Bildende Kunst" des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda die weitere administrative Durchführung des "Führerauftrags Farbphotographie". In Zusammenarbeit mit den Denkmalämtern erstellte das Ministerium Listen aller als bedeutend bewerteten Freskendekorationen im Deutschen Reich, verpflichtete Fotografen, sorgte für die Einheitlichkeit von Kameras, Objektiven und Filmmaterial, beschaffte Beleuchtungsapparaturen und organisierte ihren Transport zu den jeweiligen Einsatzorten.


München, Klosterkirche Sankt Anna im Lehel, Fassade,
nach der Zerstörung 1944 Aufnahme: Eva Bollert


Die Tatsache, dass ein Farbumkehrfilm im Kleinbildformat verwendet wurde (der „Agfacolor-Neu“, seit 1936 auf dem Markt) mag erstaunen, hat jedoch einen ganz pragmatischen Hintergrund. Zum einen schloss sich angesichts der geplanten enormen Anzahl von Aufnahmen der  Einsatz herkömmlicher Plattenkameras zwangsläufig aus. Zum andern erklärt sich die Anfertigung von Diapositiven daraus, dass sich die Kapazitäten zur Produktion von Farbnegativfilmen durch die Agfa vollständig in der Bedarfsdeckung des Kinofilms erschöpften.
Die Fotografen rekrutierten sich aus völlig unterschiedlichen Sparten; das Spektrum reichte vom Hochschulprofessor und seinen Schülerinnen, wie z.B. Walter Hege, über den etablierten Bildjournalisten (Paul Wolff), dem Kunsthistoriker (Carl Lamb), Chemiker (Ralph Weizsäcker) bis zu Großunternehmen wie die "Rex-Film" oder die "Ufa".
Die Großkampagne dauerte, verbunden mit einem erheblichen wenn auch gut bezahlten Risiko für die Fotografen, bis in den April 1945 hinein, endete praktisch also erst mit der Kapitulation des Deutschen Reiches.



Wien, Schloss Hirschstetten, nach der Zerstörung 1945
Aufnahme: Rex-Film
Der Verteilung der doppelten Aufnahmesätze auf mehrere Sicherungsdepots ist es zu verdanken, dass der größte Teil der Fotografien überlebt hat und nun hier – transferiert in ein modernes elektronisches Medium – der Öffentlichkeit verfügbar gemacht werden kann. Die während des Krieges eingetretenen Verluste und jene der Besatzungszeit lassen sich zwar nicht beziffern, jedoch kann auf der Basis der erhalten gebliebenen Projektlisten davon ausgegangen werden, dass es sich lediglich um wenige Tausend Aufnahmen handelt, die vor allem die Gebiete Schlesien und Westpreußen betreffen. Die Konzentration auf akut gefährdete Objekte, logistische Probleme und vor allem der Kriegsverlauf, der das Ende der Aktion nach zwei Jahren herbeiführte, machen den Flickenteppichcharakter des Farbdiaarchivs erklärlich. So gibt es zwar eine ausführliche Dokumentation der Fresken Cosmas Damian Asams in der Dreifaltigkeitskirche oder der Kirche Sankt Anna im Lehel in München aber nicht von jenen in der Heilig-Geist-Kirche oder der Damenstiftskirche Sankt Anna.


Nachgeschichte

Ein Beschluss des Bundesinnen-
ministeriums vom 17. Januar 1956 übertrug dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte die Aufgabe, die Farbdiapositive möglichst vollständig zu archivieren und einer wissenschaftlichen Auswertung zugänglich zu machen. Es erhielt als Treuhänder die Bestände aus den Depots in Freiburg, Tübingen und Berlin. Ein in Mainz aufgefundener Satz von ca. 20.000 Dias wurde dem dortigen kunsthistorischen Institut übergeben und gelangte später in das Bildarchiv Foto Marburg. Das Herder-Institut in Marburg erwarb 1962 ein Konvolut von 643 Aufnahmen aus Breslau, das in keiner der anderen Serien enthalten ist.


Handschriftliche Liste aus dem Propagandaministerium über Hitler vorgelegte
Farbaufnahmen (etwa 1944, Archiv ZI)
In München fehlendes Material wurde nach und nach ergänzt durch Tausch mit Denkmalämtern, zum Teil durch Doublierung oder durch den Ankauf von den Fotografen, die ihr Exemplar noch besaßen.
Im Jahr 2000 trafen das Zentralinstitut und das Bildarchiv Foto Marburg eine Vereinbarung zur gemeinschaftlichen Digitalisierung und datenbankgestützten Aufarbeitung des gesamten Farbdiaarchivs. Durch einen Abgleich der doppelt vorhandenen Dias (etwa 70% ) konnte das jeweils besser erhaltene für die Digitalisierung herangezogen werden.


Richtlinien für die Ausführung des "Führerbefehls", erlassen vom Propaganda-
ministerium am 2.12.1943 (Ausschnitt; Bundesarchiv Berlin)

Literatur

Rolf Sachsse, „Die größte Bewährungsprobe für den Kleinfarbfilm“ – Der Führerauftrag zur Dokumentation wertvoller Wand- und Deckenmalereien in historischen Bauwerken, in: Dom Tempel Skulptur, Architekturphotographien von Walter Hege, Ausstellungskatalog, Agfa Foto-Historama, Köln 1993, herausgegeben von Angelika Beckmann und Bodo von Dewitz, S. 68-72

Gert Koshofer, Geschichte der Farbphotographie in der Popularisierungszeit, in: Farbe im Photo, Die Geschichte der Farbphotographie von 1861 bis 1981, Ausstellungskatalog, Josef-Haubrich-Kunsthalle Köln, 1981, S. 139)

Ralf Peters, Gerettet : die Farbdokumentation "kulturell wertvoller Wand- und Deckenmalerei in historischen Baudenkmälern Großdeutschlands" von 1943 – 1945, In: Kunstchronik, 55, 2002, S. 242-244


Rechnung der Stadtwerke Römerstadt (Nordmähren, tschechisch Rýmařov)
über die während der Aufnahmetätigkeit des Fotografen Ralph Weizsäcker in
der Lindenkirche angefallenen Stromkosten, datiert vom 15. März 1945
(Fotografien der Fresken nicht erhalten)


Last modified 2005-10-21 15:03